Der Umsonstladen in Altona ist ein bemerkenswertes Phänomen. Es wurde sehr bewußt ein Ort geschaffen, an dem das allgegenwärtige Zahlungsmittel Geld verbannt bleibt. Er stellt eine praktisch gewordene Kritik dar.

Sonst fällt es keinem ein, daß es irgendwelche Leistungen geben könnte, die nicht im Tauschprinzip ausdrückbar wären. Dem Ideal eines freien Menschen steht ein immer hermetischer werdendes internalisiertes Verständnis vom Tauschprinzip entgegen. Adorno stellte es in Minima Moralia am Beispiel des Selbstverständnisses von Amerikanern dar, das in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg längst auch in den meisten Teilen der Welt und besonders in Europa verbreitet ist. "Die Selbstverständlichkeit der Maxime, daß Arbeit nicht schändet, die arglose Absenz eines jeden Snobismus gegenüber dem im feudalen Sinne Entehrenden des Marktverhältnisses, die Demokratie des Erwerbsprinzips trägt bei zum Fortbestand des schlechthin Antidemokratischen, des ökonomischen Unrechts, der menschlichen Entwürdigung. Keinem fällt es ein, daß es irgend Leistungen geben könnte, die nicht im Tauschprinzip ausdrückbar wären. Das ist die reale Voraussetzung für den Triumph jener subjektiven Vernunft, die ein sich verpflichtend Wahres nicht einmal zu denken vermag und es einzig als ein für andere Seiendes, Austauschbares wahrnimmt."

Die so beschriebene »subjektive Vernunft« springt in ihrer Unvernünftigkeit ins Auge. Auch ihre reale Anhäufung als übersubjektive Macht des Geldes und in ihrer Verkörperung bei Banken und Konzernen gilt es zu verändern, wenn der Zwang zur Veräußerung der Ware Arbeitskraft überwunden werden soll. Freiheit bleibt so lange reine Ideologie, wie wir uns als Lohnsklaven verdingen müssen.

Aber wären überall Umsonstläden, wäre ein Schritt getan, die allesvernetzende Gewalt des Geldes aufzuheben. Kein Zwang, der vom Tauschprinzip und vom Geld ausgeht, könnte den Individuen noch am Leben saugen. Im Umsonstladen wird gegeben und genommen, ohne daß Geld überhaupt eine Rolle spielt, darin ist im Keim die Abschaffung des abstrakten Tausches enthalten und damit wäre eine Grundlage für die kapitalistische Produktions- und Reproduktionsweise nicht mehr gegeben. Nun ist und bleibt ein einzelner Umsonstladen inmitten des kapitalistischen Marktes mit immer gigantischer werdenden Wirtschaftszusammenschlüssen ganz bestimmt ein Zwerg, der auf den ersten Blick zu vollständiger Unbedeutsamkeit verdammt zu sein scheint.

Aber Zwerge vermögen mythische Mächte zu überwinden, z. B. bei Rumpelstilzchen und bei >Ralf der Zwerg, der den großen Riesen überlistet.< Menschen beginnen die Mächte zu überlisten. Jeder Anfang muß sehr klein sein. Es kommt darauf an, daß trotz aller Zwergenhaftigkeit der Weg in die richtige Richtung zeigt. Es ist kein Witz, die Riesen der Märchen mit den Unternehmen der Gegenwart zu vergleichen. Die Aktualität der Märchen ist so märchenhaft gar nicht, wenn man die Verheizung der Menschen durch den Kapitalismus in ganzen Scharen bedenkt. Auch wir sind der ungebrochenen Macht multinationaler Konzerne vollständig ausgeliefert. Lernen bedeutet im Märchen anzufangen, die Herrscher zu beherrschen. Der Riese wird im Märchen besiegt, und kann Mut machen auf anscheinend verlorenem Posten stehend, den echten Giganten zu trotzen und zu besiegen. Ein Traum wird im Märchen wirklich, aber solch ein Märchentraum ist von entscheidend höherer Qualität als der Shampoo Schaum, der uns als Werbetraum in die Ohren geblasen und in die Augen gedrückt wird. Dieser Traum führt nicht wie im Märchen der Erfüllung näher, sondern verbreitet den ideologischen Schleier der kapitalistischen Warenwelt. Wären überall Umsonstläden, könnte dieser Schleier vielleicht auf den Schrott der Geschichte geworfen werden, während die echten Müllberge deutlich kleiner werden könnten, weil jeder Gegenstand eine Chance bekäme in seiner Bedeutsamkeit neu entdeckt und ernst genommen zu werden. Die »Ex und Hopp Mentalität« wäre deutlich in die Schranken verwiesen.

Christa Dichgans versuchte die zu verändernden Zustände in ihrem Bild "Der Jüngste Tag" zu versammeln. Reale Einzelheiten werden zu einer gigantischen Mülldeponie. Hier wird der Mensch an seinem letzten Tag in der Darstellung seines bösen Abfalls gegenwärtig, in der horizontweiten Ansammlung der zurückgebliebenen Utensilien und Symbole: Geldscheine, Waffen, Werkzeuge, Kriegsmaschinen, Soldaten, Uniformen, Luxusgüter - dargestellt. Wem nicht erst am jüngsten Tag das zerstörerische menschliche Treiben unter dem Antrieb der Schimäre des Geldes aufstoßen soll, der hat genug Anlaß sich mit dem »Märchen« eines bestehenden Umsonstladens zu befassen.

Ein Gastbeitrag von A.B.

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