Er schreibt wie er spricht, in einer eindringlichen, bilderreichen Sprache. Frithjof ist begeistert von der von ihm erfunden Neuen Arbeit und vertritt sie unermüdlich seit über 20 Jahren. Dabei ist ein, wie er sagt„loses Netzwerk“ entstanden, dass die Neue Arbeit jenseits des herkömmlichen „Jobsystems“ versucht zu verwirklichen.
Das vor gut zwei Jahren erschienene Buch erklärt ausführlich, was das Neue an der Neuen Arbeit sein soll. Die ersten beiden Kapitel sind eine leicht lesbare, vernichtende Kritik des Systems der Erwerbsarbeit des „Lohnarbeitssystems“. Nach Frithjof besteht es erst seit 200 Jahren – für viele Menschen auf diesem Globus auch viel kürzer und es ist auch in eine vielschichtige, grundlegende Krise geraten. Anschaulich trägt er auf den globalen Rahmen bezogen die aktuellen Gebrechen des ‚Jobsystems’ zusammen, die Menschen erleiden und deformieren, die diese begehrte Arbeitsart haben oder nicht haben. Er will diese Lohnarbeit nicht retten oder reformieren. Gestützt durch die neuesten und zukünftigen Technologien sieht er vermehrte Chancen, in selbstbestimmter Eigenarbeit in kleinen Gruppen die wichtigsten Lebensbedürfnisse direkt füreinander im menschlichen Nahbereich zu erfüllen.

Verkrüppelt oder entwickelt uns die Arbeit?

Das ganze Buch handelt von dem Gegensatz zwischen Erwerbsarbeit in dieser Gesellschaft und dem, was Arbeit an Kräftigung und Lust für den Einzelnen und in selbstbestimmter Gemeinschaften bedeuten könnte. „Es geht uns um die Schaffung einer Gesellschaft und Kultur, in der wirklich jeder, Mann oder Frau, die Chance bekommt, einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit einer Arbeit zu verbringen, die er oder sie erfüllend und faszinierend findet und die die Menschen aufbaut und ihnen mehr Kraft und mehr Vitalität gibt.“ ( S. 19) „Es geht letztlich um die Frage, ob die Arbeit meine Entwicklung vorantreibt, ob sie mir mehr Kraft und Vitalität verleiht, statt mich auszulaugen und zu verkrüppeln wie die Arbeit im Lohnarbeitssystem.“ (S. 377)
In Kapitel IV beschreibt er „Die Wirtschaftsform der Neuen Arbeit“. Frithjof befördert den Bildungsprozess von „Zentren Neuer Arbeit“, als ‚Keimformen’ dieser Wirtschaftsform. Diese Zentren sollen erst lose Diskussionsgruppen sein, dann zunehmend, den Neigungen und Fähigkeiten der Einzelnen entsprechend, eine Selbstversorgerwirtschaft mit entwickelten Technologien aufbauen. Ein lebensnotwendiges Produkt nach dem anderen soll nicht mehr in der herkömmlichen Produktionsweise hergestellt werden, sondern möglichst intelligent, effektiv und ökologisch zur Versorgung der füreinander aktiven Menschen. Die Zentren sollen arbeitsteilig in einem Netzwerk allmählich ein Bündel von Verfahren entwickeln, damit schließlich Gruppen von ein paar hundert Menschen die überwiegende Mehrzahl der für ein erfreuliches Leben notwendigen Güter selbst herstellen können. „Wir schlagen stattdessen eine Palette kleiner, mobiler und preiswerter Technologien vor, mit denen die Menschen das, was sie brauchen, für sich selbst herstellen können.“ (S.25)
„Entscheidend war für uns die Reduzierung der Abhängigkeit von der Lohnarbeit, das Ausbrechen aus dieser Knechtschaft. Wir wollten hier eine Ebene erreichen, die in dieser Hinsicht eine deutliche Veränderung zeigt, die es einem Menschen also erlaubt, seine Lohnarbeit um ein Drittel oder die Hälfte zu reduzieren, indem er sie auf angenehme Weise mit einer selbstversorgenden oder eigenproduzierenden Arbeit ausbalanciert. In den ersten 20 Jahren machten wir dazu hier und dort Fortschritte, aber im Großen und Ganzen erreichten wir dieses Ziel nicht.“ (S.24) Er sieht jedoch in den nächsten Jahren Möglichkeiten, diesem Ziel recht nahe zu kommen, besonders durch die Entwicklung von speziell für eine Selbstversorgerwirtschaft ausgerichtete Maschinen, an denen Zentren Neuer Arbeit und auch verschiedene Universitäten beteiligt sind.

Schritt für Schritt raus aus der Abhängigkeit

Wichtig sei es, die festen Kosten, die den ständig sich erneuernden Erwerbszwang befestigen, Schritt für Schritt zu senken. Er geht die Bereiche durch: das Telefon, das Automobil, die Gesundheit und die Altersvorsorge, auch das Wohnen. Überall sieht er wachsende Einsparpotentiale durch die Ansätze von Eigenproduktion in kleineren Gruppen. Dabei schlägt Frithjof unermüdlich vor, zumindestens einen Teil seiner Neigungen, seiner Lust, etwas zu tun, nicht in die Erwerbsarbeit zu stecken, sondern in die Vorbereitung einer Selbstversorgerproduktion in einem Zentrum Neue Arbeit. Dabei sollten die Menschen sich auf den Weg machen, „herauszufinden, was sie wirklich, wirklich wollen“. Es sei möglich, die tief eingewurzelte Fremdbestimmung bei der Auswahl der jeweils lebensbestimmenden Tätigkeiten Schritt für Schritt zu überwinden. Auf diesem Kurs können Menschen sich auch gegenseitig unterstützen, und beispielsweise in den Zentren Neue Arbeit Beratung bekommen, um allmählich die weitverbreitete „Armut der Begierde“ und die „Selbstunkenntnis“ zu überwinden. „Für viele Menschen ist es sehr überraschend, dass wir im Kontext eines Zentrums für Neue Arbeit darüber sprechen, wie man es schaffen könnte, sein Leben intensiv und in vollen Zügen zu leben...“ (S. 389) und nicht im ‚Schweinsgalopp’ für ein darauf folgendes ödes Rentnerdasein. „Diese Kreatur braucht deshalb mehr als ein wenig Schulung und einen Katalog von Regeln. Damit ein solches Wesen reifen und erwachsen werden kann, damit es vor allem an Stärke zunehmen kann, bis es sich selbst besitzt, braucht es ein Ausmaß an Zuwendung, Aufmerksamkeit und Fürsorge, das weit über das hinaus geht, was wir normalerweise als Unterstützung bezeichnen.“ (S. 364) Neben dem Findungsprozess jedes Einzelnen, was jemand wirklich mit Begeisterung tun möchte und tut, ist also ein langandauernder, gegenseitiger Unterstützungs- und Heilungsprozess nötig. Auch ein wenig kritische Selbstdistanz und Lachen-Können über sich selbst ist wichtig: „... eine Prise Humor sollte immer zur Neuen Arbeit gehören“. (S. 369) „In dem heute entstehenden neuen Bezugsrahmen hat die primäre Funktion der Arbeit nichts mit Waren zu tun, sondern es geht in erster Linie um dich und mich als Person. In der Bühnenmitte steht nicht mehr die Produktion von Gütern, sondern die Weiterentwicklung der Menschheit.“ (...) „Wenn man bedenkt, wie unendlich weit die Menschheit gegenwärtig noch vom Zustand einer freien Menschheit entfernt ist, dann sieht man, dass jeder Einzelne gebraucht wird und es für jeden einen Platz gibt.“ (S. 382/83)

„Fortschrittliche Geschäftsleute“ und Rolle der Technologien

Das Buch ist empfehlenswert und lesenswert. Gerade deshalb möchte ich ein paar kritische Bemerkungen hinzufügen. Frithjof betont: „Die Leute wussten immer, dass wir auch in den Chefetagen der 500 weltweitführenden Unternehmen ein- und ausgingen.(...) Dass es immer eine Kohorte erfolgreicher und fortschrittlicher Geschäftsleute gab, die auf unserer Seite standen, die mit unseren Ideen übereinstimmten, die uns ermutigten, uns Türen öffneten und auch Geld zur Verfügung stellten (...), das hat die Geschichte und Entwicklung der neuen Arbeit in vieler Hinsicht geformt.“ Und: „Die Koalition, die zu schmieden wir dabei sind und die auf die Verwirklichung der Wende hinarbeitet, zählt sehr stark auf sie.“ (S. 228/29) Frithjof will besonders Unternehmer dafür gewinnen, Technologien für eine Selbstversorgerwirtschaft mit zu entwickeln. Obwohl sich auch Enttäuschungen über die sich durchsetzenden Gewinninteressen dieser Unternehmer einstellten, hält er an diesem Kurs fest. Ich will nicht bezweifeln, dass sich immer wieder einige wenige reiche Leute auf die Seite der ‚Unterdrückten’ stellen. Illusionär ist es jedoch, die eigene Vorgehensweise entscheidend auf diese Leute auszurichten. Ich halte es für besser, die nötigen neuen Technologien direkter in den Ansätzen selbstbestimmteren Wirtschaftens zu entwickeln.
Richtig finde ich Frithjofs Gedanke, dass selbstversorgendes Wirtschaften nicht mehr mit einem quasi-mittelalterlichen Produktivitätsniveau verbunden bleiben, sondern auch neueste Technologien gestalten und nutzen sollte. Aber welche Technologie zu welcher Gruppe passt, sollte ausschließlich von diesen selbst entschieden werden. Er überschätzt die Rolle der Technologien und unterschätzt die Rolle einer sich gegenseitig kräftigenden Gruppenentwicklung, die Menschen in einem langjährigen Prozess überhaupt dazu befähigt, ihren gemeinschaftlich-gesellschaftlichen Zusammenhang selbst zu bestimmen.

Ware, Geld und Kapital

Frithjof betont immer wieder, dass es um eine „Alternative zum Lohnsystem“ (S.116) ginge. Wenn er dann von der „Schaffung neuer Strukturen“ spricht, fordert er für die neuen Tätigkeiten „eine angemessene Vergütung“ ein (S. 117). Man solle „die verschiedenen Systeme der Bezahlung“ studieren (S. 119). Lohnarbeit will er unbedingt überwinden. Waren, Geld und Kapital (als von den Menschen selbst geschaffene unpersönliche Macht) hält er dagegen für vollkommen "natürlich". Frithjof blendet aus, dass die 2000 Jahre vor der Entwicklung des Jobsystems entstandene einfache Warenproduktion dieses „Jobsystem“ erst hervorgebracht hat. Auf Grundlage von Warenproduktion und Geld ist schon vor unserer Zeitrechnung Handels- und Wucherkapital entstanden. Nur die Arbeitskraft wurde erst vor ca. 200 Jahren global zur Ware, mit den bekannten gewaltigen, zwiespältigen Folgen. Will Frithjof das zurückdrehen auf den Stand vor 200 Jahren, verbunden mit neuesten Technologien? Er blendet aus, dass die bei den meisten Menschen inzwischen tief eingewurzelte Drang zur Geldvermehrung, zu wertorientiertem Handeln, auch die Arbeitskraft schnell wieder zur Ware machen muss. Wenn alles zur Ware geworden ist, warum sollte es ausgerechnet diese erwiesenermaßen gewaltige Vermehrungsquelle von abstraktem Reichtum nicht sein?
Frithjof hat wichtige Erfahrungen unserer jüngsten Geschichte nicht berücksichtigt: Gerade die ‚Alternativbewegung’ der 70er und 80er Jahre hat in kleinen Gruppen ihre Neigungen zur Haupttätigkeit gemacht und Fahrradläden, Bioläden, selbstverwaltete Betriebe usw. gegründet. Die Zwänge des Marktes haben diese Gruppen, ‚Kollektive’, obwohl sie bei sich die Lohnarbeit zunächst verbannt hatten, innerhalb weniger Jahre zu ganz ‚normalen’ kapitalistischen Betrieben zurückentwickelt. Auch alle Merkmale von Lohnarbeit sind darin neu entstanden. Wenn Frithjof diese Ergebnisse verdrängt, wenn er nicht wert- und warenkritisch wird, bleibt sein Weg nach seinem eigenen Maßstab im “Jobsystem“ verfangen.
Menschen, die sich von der Lohnarbeit verabschieden, haben nur einen wichtigen Teil der Aufgabe angepackt, sich Schritt für Schritt ihren eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang (gemäß ihrer eigenen Neigungen) aktiv anzueignen. Auch schaffen die Menschen nach Frithjofs Konzept weiterhin keinen Erfahrungsraum,von wo aus sie das tief verinnerliche Verwertungshandeln und Verwertungsdenken mal von außen betrachten können. Neue-Arbeit-Projekte gehen weiterhin auf denselben Markt wie alle anderen. Sie unterliegen also denselben Anpassungszwängen. Also KANN aus diesem Ansatz keine neue Wirtschaftsweise entstehen.
Trotzdem möchte man manchem im Selbstanspruch ‚kritischen’ Marxisten so viel zupackenden Realismus, so viel humane Streitlust und Beharrlichkeit wünschen, wie Frithjof Bergmann ständig zeigt. Möge er noch lange und fruchtbar bei der Herausbildung einer gesellschaftlich-pluralistischen Alternative zum „Jobsystem“ mitwirken!!

H. K.
Hamburg, Februar 2007