Was ist der besondere Charakter der gesellschaftlichen Vermittlung im Kapitalismus?

Achtung, um diesen Text gut nachvollziehen zu können, ist ein gewisses Verständnis der Marxschen Warenanalyse nötig. Es würde den Rahmen sprengen, dies hier auch nur in Kurzform einzufügen. Dieser Aufsatz bezieht sich auf die deutsche und die englische Fassung von, "Time, Labour and Social Domination“, also: „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ von Moische Postone. Dieses Buch erhebt den Anspruch einer grundlegenden Rekonstruktion des Marxschen Hauptwerkes und versteht es in seinen wichtigsten Bestimmungen meines Erachtens nicht tief genug. Ein Grund dafür ist u.a. ein mangelndes Dialektik-Verständnis, welches u.a. aus einer ausführlichen, kritischen Aufnahme der Hegelschen Logik zu gewinnen wäre. Marx hat sich das erarbeitet. In den „Grundrissen zur Kritik der Politischen Ökonomie“ sind die meisten Sätze noch in enger Anlehnung an die Hegelsche Sprache und Logik formuliert worden. Im ‚Kapital’ hat Marx seine Untersuchung weiterentwickelt, versucht die Darstellung zu vereinfachen und auch mehr eine eigene Sprache gefunden.

Gesellschaftliche Vermittlung, gesellschaftliche Verhältnisse, gesellschaftlicher Zusammenhang

Ich gehe von der deutschen Fassung des Werkes von Postone aus und beziehe bei Zitaten die englische Fassung mit ein. Meine Ausgangsfrage an das Werk von Postone ist: Was bedeutet bei ihm genau „social mediation"? Postone behauptet, „dass Marx die Arbeit im Kapitalismus als historisch spezifische Form gesellschaftlicher Vermittlung analysiert.“ „Social mediation“ bedeutet meines Erachtens in erster Näherung 'gesellschaftliche Vermittlung'. So wird es auch in dem Buch übersetzt. Nur sind wir damit nicht viel klüger. In seinem ganzen Buch verwendet Postone diesen Begriff ständig, klärt ihn jeweils allenfalls indirekt - kontextuell, sonst aber nicht. Mein Bezug ist zunächst der Abschnitt „Abstrakte Arbeit und gesellschaftliche Vermittlung“ Marx spricht überhaupt nicht von gesellschaftlicher Vermittlung, sondern von „gesellschaftlichen Verhältnissen". Zum Beispiel kennzeichnet er „das Geheimnisvolle der Warenform", indem er schreibt, „dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen." „Gesellschaftliche Verhältnisse“ sind die von den Menschen selbst geschaffenen Lebensumstände, in denen die Menschen sich mit Hilfe ihrer gesellschaftlichen, kooperativen Arbeit (re-) produzieren. Gemeint ist hier nicht nur die Herstellung aller lebensnotwendigen Dinge und Dienstleistungen, sondern auch die Art und Weise, wie Menschen ihren gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen.
Diese ist in allen geschichtlichen Stadien der Menschheitsentwicklung verschieden gewesen. Marx geht von der aktuellen Situation seiner Zeit aus, „von Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht" und beginnt nach längeren Vorarbeiten in seiner Darstellung im ‚Kapital’, Band 1, bewusst, indem er aus der Erscheinung der 'ungeheuren Warenansammlung' „die einzelne Ware als Elementarform" bestimmt. Er analysiert also zunächst diese einzelne Ware, als wirtschaftliche Zellenform dieser Gesellschaft. Marx legt (das ist durchlaufend mit zu bedenken!) bei seiner Untersuchung die ganze geschichtlich konkrete Totalität (= das ganzheitliche Vorhandensein) des Kapitalismus seiner Zeit zu Grunde. Er gewinnt aus der Untersuchung der einzelnen Ware unter anderem die Begriffe (‚Kategorien’) Gebrauchswert, Tauschwert und Wert, abstrakte und konkrete Arbeit, gesellschaftlich notwendige Arbeit, gesellschaftliche Gesamtarbeit und Produktivkraft der Arbeit, die er im Verlauf der Untersuchung näher bestimmt. Er unterscheidet zwischen der Naturalform und der Wertform der Waren, um dann zu begründen, weshalb er jetzt die Wertformanalyse vornimmt. Dass Marx Wert, Wertinhalt, Wertgröße und Wertform getrennt untersucht, hängt unter anderem mit seiner (kritisch aufnehmenden) Verarbeitung der Hegelschen Logik zusammen. Er nimmt u.a. von dort die negativ-selbstbezüglichen gesellschaftlichen Verhältnissse (die 'negative Einheit') von Gebrauchswert und Tauschwert, von Inhalt und Form und von Wesen und Schein und Erscheinungsformen und Wesen auf: Er ‚weiß’ also schon vor seiner Analyse der einfachen Wertform, dass die Erscheinungsformen des Wertes, den Inhalt des Wertes, nämlich vergegenständlichte Privatarbeit zu sein und der Arbeit damit einen Doppelcharakter aufzudrücken, möglicherweise diesen Inhalt in ganz speziellen Formen ausdrücken oder widerspiegeln können. Er hat schon entwickelt, dass der Wert und die eigenartige „Wertgegenständlichkeit“ etwas vollständig Gesellschaftliches ist. Etwas Gesellschaftliches an der Ware kann sich nur im Verhältnis zwischen Waren zeigen, nicht an einer einzelnen Ware. Deshalb untersucht er die besonderen Zeigeformen des Wertes formgenetisch in ihrer immanenten Funktionslogik, angefangen vom einfachsten Wertverhältnis, nämlich dem Verhältnis zwischen zwei Waren. Dabei stößt er auf eine neue ‚negative Einheit’, auf das Zusammenspiel von relativer Wertform und Äquivalentform.
Postone setzt bei seiner Entwicklung des Doppelcharakters der Arbeit, bzw. dem Begriff der abstrakten Arbeit an den Ausführungen von Marx in der Warenanalyse an. Er zitiert zuerst die beiden Stellen im Kapital, die traditionell häufig dazu dienten, abstrakte Arbeit (in eher überhistorischer Betrachtung von konkreten Arbeiten) unter dem bloßen Aspekt ihrer Verausgabung ('von Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw...') zu betrachten. Abstrakte Arbeit als spezielle historisch spezifische 'totalisierende' soziale Vermittlungsform würde dabei nicht gesehen. Ich möchte hier das Zitat wiedergeben und um zwei kleine Sätze von Marx weiterführen, die direkt anschließend im Text folgen: „Sieht man ab von der Bestimmtheit der produktiven Tätigkeit und daher vom nützlichen Charakter der Arbeit, so bleibt das an ihr, daß sie eine Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ist. Schneiderei und Weberei, obgleich qualitativ verschiedne produktive Tätigkeiten, sind beide produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand, usw., und in diesem Sinn beide menschliche Arbeit. Es sind nur zwei verschiedne Formen, menschliche Arbeitskraft zu verausgaben. (Hier bricht Postone das Zitat ab! H.K.) Allerdings muss die menschliche Arbeitskraft selbst mehr oder minder entwickelt sein, um in dieser oder jener Form verausgabt zu werden. Der Wert der Ware aber stellt menschliche Arbeit schlechthin dar, Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt."
Marx weist selbst darauf hin, daß es auf den jeweiligen historischen Entwicklungsstand der 'menschlichen Arbeitskraft' ankommt und darauf, in welcher Form sie jeweils verausgabt wird. Der Wert der Ware stelle sie aber als 'Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt' dar, also als eher überhistorisch und abstrakt. Hier schreibt Marx, was Postone , Marx kritisierend, ‚hinzufügen’ bzw. ‚reinterpretieren’ will! Und diese besondere Form untersucht Marx weiter als Wertform, als Form der ('sozialen'!!) Begegnung zweier Waren. Nur in dem speziellen Verhältnis zweier Waren, die sich unter Vermittlung der Akteure, eben zweier Warenbesitzer, ) 'austauschen', können die besonderen Verkehrungen in der Erscheinungsform des Wertes aufgespürt werden. Das soll die sich hier bei Marx anschließende Wertformanalyse, die ansetzt am Verhältnis zweier Waren, unter anderem leisten.
Der Wert, der menschliche Arbeit „in geronnenem Zustand, in gegenständlicher Form" darstellt, ist mehr als Arbeit unter dem Aspekt bloßer Verausgabung betrachtet. Wert ist inhaltlicher Ausdruck des abstrakten Moments von Arbeit. Abstrakte Arbeit ist der ‚Wertinhalt’. Das kann hier aber von Marx noch nicht weiter thematisiert werden, wie etwa im Fetischabschnitt, weil er die besondere Erscheinungs- d.h. Darstellungsweise des Wertes durch die Akteure noch nicht untersucht hat. Er hat hier die Besonderheiten der Wertform noch nicht entwickelt. Dazu setzt er gerade an. Der Begriff der abstrakten Arbeit, der hier erst abstrahierend nachvollziehend gewonnen wurde, ist zwar ausdrücklich als nicht 'überhistorisch' gekennzeichnet, jedoch noch unterbestimmt. Die Herstellung des Wertverhältnisses in Aktion auf dem Warenmarkt muss noch in der Wertformanalyse geklärt werden. Damit bestimmt sich auch erst der besondere Charakter, den der Wert und damit die Arbeit durch die Austauschaktionen annimmt.
Bei Postone bestimmt sich abstrakte Arbeit schon (irgendwie) in der Produktion. Die Vermittlung auf dem Markt spielt für ihn eine untergeordnete Rolle als ‚Verteilung’ des schon ‚kapitalistisch’ Produzierten. Eine mitbegründende Rolle des ‚Marktgeschehens’ bei der ‚abstrakten Arbeit’ weist er den traditionssozialistischen Fehlinterpretationen von Marx zu.
Marx fasst den Abschnitt über „Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit" so zusammen: „Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte." Hier ist es wichtig, genau zu lesen; Marx sagt nicht, dass abstrakte Arbeit nur als Verausgabung von konkreter menschlicher Arbeit unter dem Aspekt ihrer bloßen physiologischen Verausgabung zu betrachten ist. Er schreibt, in dieser Eigenschaft als 'Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn' bildet sie den Warenwert. Die spezielle 'soziale Vermittlung', die in der Wertformanalyse erst durch Marxens Untersuchung zutage tritt, muß erst noch zur weiteren Bestimmung des Begriffes abstrakte Arbeit mit herangezogen werden, um sie als auch 'soziale Vermittlungskategorie' begreifen zu können.
Die Marx'schen Begriffe werden von Postone als solche der 'sozialen Wechselwirkung' beschrieben (inderdependence). „Eine Gesellschaft, in der die Ware die allgemeine Form der Produkte und somit der Wert die allgemeine Form des Reichtums ist, wird durch eine einzigartige Form gesellschaftlicher Interdependenz charakterisiert: denn hier konsumieren die Menschen nicht das, was sie produzieren, sondern sie produzieren und tauschen Waren, um andere Waren zu erwerben: “ ) Nur in der kapitalistischen Produktionsweise nehmen die marktvermittelten Produkte die gesellschaftlich Form der Ware an. Was aber ist die Warenform? Sie ist nichts anderes als die Wertform der Waren. Diese 'einzigartige Form gesellschaftlicher Wechselwirkung' untersucht Postone aber nicht näher. ‚Das Nicht-Habende brauchen und das Nicht- Brauchende haben’ kennzeichnet zwar den Warenaustausch von Privatproduzenten. Damit ist aber über die Wertform im Gegensatz zum Wertinhalt (= menschliche Arbeit mit seinem ‚Doppelcharakter’!), von der Marx im Fetischabschnitt rückgreifend sagt, dass sich der Tisch „sobald er als Ware auftritt“ „sich in ein sinnlich übersinnliches Ding“ verwandelt, noch nichts ausgesagt. „Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsproduktes, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst.“ Die „gesellschaftliche Interdependenz“ findet in warenproduzierenden Gesellschaften in den zahllosen einzelnen Austauschakten statt, die eine besondere Sphäre herausbilden, die der Zirkulation. Menschen produzieren im Hinblick auf diesen Austausch, aber relativ losgelöst voneinander. In der Zirkulation, also auf dem Markt, erweist sich in der warenproduzierenden Gesellschaft erst im Nachhinein die 'Gesellschaftlichkeit' eines Produktes, also seine jeweilige konkrete gesellschaftliche Nützlichkeit in dieser Gesellschaft. Durch die Aktionen der WarenaustauscherInnen selbst entsteht der Austausch als abgesonderte Sphäre, die die spezifische Gestalt der jeweiligen Produktionsweise mit ‚verhüllt’. Die Waren und die darin enthaltenen Arbeiten 'vermitteln sich' im Austausch; die Menschen sind nur die Warenhüter, die der Warenaustauschlogik Aktion und Stimme geben.
Es geht hier um den besonderen Charakter dieser 'ungesellschaftlichen Vergesellschaftung' in warenproduzierenden Gesellschaften, der sich erst in der entfalteten kapitalistischen Gesellschaft zur entscheidenden Vergesellschaftungsweise heraus entwickelt. Postone betont häufig, dass die Begriffe Wert, Mehrwert und abstrakte Arbeit als historisch spezifische soziale Vermittlungskategorien zu begreifen sind. Der Charakter dieser Vermittlung gewinnt in seinen sich ständig wiederholenden Darstellungen nur mühsam Gestalt. Das dritte Marx-Zitat in Postones Abschnitt ‚Abstrakte Arbeit’ bringt er, um zu zeigen, dass Marx die abstrakte Arbeit und den Wert "purely social", rein gesellschaftlich, begreift. Auch hier zitiert Postone unglücklich unvollständig. Hier deshalb das vollständige Zitat: "Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein. Man mag daher die einzelne Ware drehen und wenden wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding. Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, (bis hierher zitiert Postone!! H.K.) so versteht sich auch von selbst, dass sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann. Wir gingen in der Tat vom Tauschwert oder Austauschverhältnis der Waren aus, um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Erscheinungsform des Wertes zurückkehren." Dass sich der gesellschaftliche Charakter der Wertgegenständlichkeit nur im Austauschverhältnis von Ware zu Ware zeigen kann, also genau dort analysiert werden muss, verdeckt Postone durch seine Zitierweise.
Postone fasst seine Ableitung von ‘abstrakter Arbeit’ so zusammen: “Das Problem besteht somit darin, über die von Marx gegebene physiologische Bestimmung abstrakt menschlicher Arbeit hinauszugehen und die ihr zugrundeliegende gesellschaftliche und historische Bedeutung zu analysieren. Mehr noch: Die Analyse darf sich nicht damit begnügen, zu zeigen, dass die abstrakt menschliche Arbeit einen gesellschaftlichen Charakter hat. Sie muss auch die historisch spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse, die dem Wert zugrunde liegen, untersuchen und erklären, warum diese Verhältnisse als physiologische erscheinen und deshalb von Marx auch so präsentiert werden – als transhistorisch, naturgegeben und somit geschichtslos. Diese Analyse hätte die Kategorie der abstrakt menschlichen Arbeit als die für den Begriff des ‚Warenfetisch’ zentrale Ausgangsbestimmung auszuweisen: also als grundlegend dafür, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus in der Form von Verhältnissen zwischen Sachen erscheinen und somit als der Geschichte enthoben.“ Postone behauptet hier, Marx 'liefert' eine „physiological definition" von abstrakter Arbeit, weil sie so überhistorisch und natürlich erscheint. Marx definiert hier überhaupt nicht, sondern fasst nur das bisherige Ergebnis seiner Untersuchung, die sich noch ganz am Anfang befindet, zusammen. Dass der Abstraktionsprozess noch weiter geht, indem produzierte Dinge, als Waren Träger eines besonderen gesellschaftlichen Verhältnisses werden und die Art, wie die Ware in der Äquivalentform den Wert der anderen Ware ausdrückt, das wesentliche Verhältnis in einer bestimmten Weise 'verkehrt', untersucht Marx erst direkt anschließend. Aber ein gesellschaftliches Verhältnis kann man auch gar nicht an einer einzelnen Ware untersuchen, weil es sich nur in einem Verhältnis zeigen kann. Erst im Zusammenhang mit der Wertformanalyse des Verhältnisses zweier Waren kann deshalb mehr über den besonderen Charakter der Arbeit im Hinblick auf ihr wertbildendes, abstraktes Moment ausgesagt werden.
Marx unternimmt die Wertformanalyse hauptsächlich, um „die Genesis dieser Geldform nachzuweisen, also die Entwicklung des im Wertverhältnis der Waren enthaltenen Wertausdrucks von seiner einfachsten unscheinbarsten Gestalt bis zur blendenden Geldform zu verfolgen. Damit verschwindet zugleich das Geldrätsel. Das einfachste Wertverhältnis ist offenbar das Wertverhältnis einer Ware zu einer einzigen verschiedenartigen Ware, gleichgültig welcher. Das Wertverhältnis zweier Waren liefert daher den einfachsten Wertausdruck für eine Ware."
Marx kommt dann auf die relative Wertform und die Äquivalentform (= Form der wertbezogenen Gleichsetzung mit anderer Ware): „Nur der Äquivalenzausdruck verschiedenartiger Waren bringt den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein, indem er die in den verschiedenartigen Waren steckenden, verschiedenartigen Arbeiten tatsächlich auf ihr Gemeinsames reduziert, auf menschliche Arbeit überhaupt." Die eine Ware im Wertverhältnis zweier Waren ist mit ihrer Naturalform, wie Marx sagt, zugleich Wertträger, das heißt Zeigegestalt eines gesellschaftlichen Verhältnisses, eben des Wertes. Die andere Ware drückt ihr Wertsein relativ in der Naturalgestalt in der ihr gegenüber stehenden Ware aus. Sie selbst erscheint als bloßer nützlicher Gegenstand.
In seiner Untersuchung zur Äquivalentform im Verhältnis zweier Waren kommt Marx zu drei für den Charakter der spezifischen 'gesellschaftlichen Vermittlung' im Kapitalismus entscheidenden Erkenntnissen („Besonderheiten“): „Die erste Eigentümlichkeit, die bei der Betrachtung der Äquivalentform auffällt, ist diese: Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts. Die Naturalform der Ware wird zur Wertform." Zu dieser ersten Eigentümlichkeit: Die Dinge (die in der Äquivalentform, der Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit allen anderen Waren, stehen) werden Träger eines besonderen gesellschaftlichen Verhältnisses, durch das die Produktion dieser Gesellschaft auf spezielle Weise in Einzelaktionen gesellschaftlich vermittelt wird. Die Form der allgemeinen Austauschbarkeit bedarf (wenigstens zunächst) einer dinglichen Trägerschaft: Im Verhältnis zweier Waren ist es die eine Ware, die mit ihrer Naturalgestalt zusätzlich noch diese allgemeine Austauschbarkeit als scheinbar dingliche, 'natürliche' Eigenschaft ausdrückt. Nur ein Gebrauchswert kann zunächst als dinglicher Träger zur Zeigeform des Wertes werden. Dieser Gebrauchswert (geschichtlich letztlich das Gold) drückt neben all seinen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften an sich selbst das Wertsein der ihr gegenübergestellten Ware aus. Die Naturalform einer Ware zeigt den Wert der anderen Ware im Wertverhältnis an. Anschließend betont Marx noch, dass „der Rock im Wertausdruck der Leinwand eine übernatürliche Eigenschaft beider Dinge vertritt: ihren Wert, etwas rein Gesellschaftliches." Das Besondere ist hier, dass dieses rein Gesellschaftliche, der Wert, in der Ware, die die Äquivalentform annehmen muss, eine dingliche Gestalt annimmt, um sich zu zeigen.
„Da aber Eigenschaften eines Dings nicht aus seinem Verhältnis zu anderen Dingen entspringen, sich vielmehr in solchem Verhältnis nur betätigen, scheint auch der Rock seine Äquivalentform, seine Eigenschaft unmittelbarer Austauschbarkeit, ebensosehr von Natur zu besitzen, wie seine Eigenschaft, schwer zu sein oder warm zu halten." ) Die „Eigenschaft unmittelbarer Austauschbarkeit", Ausdruck eines besonderen gesellschaftlichen Verhältnisses, erscheint als Natureigenschaft der Ware in Äquivalentform, also letztlich als Natureigenschaft des Goldes/Geldes. Ist der Warenaustausch erst einmal verallgemeinert, tritt das 'Wertsein' wie eine Natureigenschaft der Waren und des Geldes auf. Die Ware erscheint als bloßes Gut, oder nützlicher Gegenstand, der sein 'Wertsein' relativ im Geld ausdrückt und das Geld scheint seine Eigenschaft der unmittelbaren Austauschbarkeit von Natur aus zu besitzen.
„Der Körper der Ware, die zum Äquivalent dient, gilt stets als Verkörperung abstrakt menschlicher Arbeit und ist stets ein Produkt einer bestimmten nützlichen, konkreten Arbeit. Diese konkrete Arbeit wird also zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit." Das ist die zweite 'Eigentümlichkeit' der Äquivalentform. Der Körper der Ware in Äquivalentform dient als Darstellungsmittel, als ‚Zeigeform’ von abstrakt menschlicher Arbeit, die als solche ja gar nicht erscheinen kann. Also gilt das Geld (als die Ware, die sich zur verallgemeinerten Äquivalentform herausgebildet hat) als Verkörperung abstrakt menschlicher Arbeit. Diese Verkörperung des Wertes, die zunächst selbst Produkt einer konkreten Arbeit ist, nämlich der Arbeit, Gold herzustellen, tritt bei den neueren Formen des Geldes immer mehr in den Hintergrund. Als Rechengeld, Buchungsgeld, als Währungssystem und als Kapital. Inzwischen sieht es so aus, als würde abstrakte Arbeit als Wert direkt eine unmittelbar gesellschaftliche Macht sein. Dabei zeigt das Geld nur eine von den Menschen selbst geschaffene „menschliche Wesenskraft“, nämlich ihre eigenen verselbständigten Arbeiten als eine ihnen gegenübertretende Macht.
„Indem aber diese konkrete Arbeit, die Schneiderei, als bloßer Ausdruck unterschiedsloser menschlicher Arbeit gilt, besitzt sie die Form der Gleichheit mit andrer Arbeit, der in der Leinwand steckenden Arbeit, und ist daher, obgleich Privatarbeit, wie alle andre Waren produzierende Arbeit, dennoch Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Deshalb stellt sie sich dar in einem Produkt, das unmittelbar austauschbar mit andrer Ware ist. Es ist also eine dritte Eigentümlichkeit der Äquivalentform, dass Privatarbeit zur Form seines Gegenteils wird, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form." Eine konkrete Privatarbeit (die Gold herstellende) drückt menschliche Arbeit überhaupt, abstrakte menschliche Arbeit aus. Die (Praxis-)Form der Gleichheit mit jeglicher anderer Arbeit behält diese Ware als allgemeines Äquivalent - also als Geld - auch dann, wenn sie sich vom Gold ablöst und zu einem bloßen Stück Papier, oder zu bloßem Buchungsgeld wird. Geld, entstanden, als eine konkrete Privatarbeit, ist die Zeigeform, das sachliche Ausdrucksmittel für ‚abstrakte Arbeit’ geworden. Und diese abstrakte Arbeit ist ja eigentlich nur ein zusätzliches Moment von konkreter Arbeit, die Waren herstellt, gewesen. Dieses Moment hat sich in der Gestalt des Geldes zu einer allgewaltigen „gesellschaftlichen Sache“ verselbständigt, zu einer allgemein praktizierten Verrücktheit. Die Form der Gleichheit mit (letztlich allen) anderen Waren, also die Darstellung des Moments der abstrakten Arbeit in einer besonderen Ware, wird im Austausch von den Handelnden indirekt mit hergestellt.
Abstrakt menschliche Arbeit, obwohl als solche eigentlich unwirklich, d.h. nur ein Aspekt oder Moment von dieser warenproduzierenden Arbeit, erscheint im Geld als mächtige gegenständliche Realität neben allen konkreten Waren. Geld erscheint als eine Anweisung auf menschliche Arbeit überhaupt, als eine magische Kraft. Dass die Menge der Warenaustauschaktionen das Geld erst hervorgebracht haben, ist im Resultat des gesellschaftlich eingeführten Geldes verschwunden. Geld erscheint als der 'Gott der Warenwelt' , wenn es nur in entsprechender Menge vorhanden ist. Dennoch bleibt das so gegenüber den Waren relativ verselbständigte Geld in der einfachen Warenproduktion nur Mittler. Erst als „Einsaugmittel“ von lebendiger Arbeitskraft wird das Geld zu Kapital, also Geld als Verwertungsmittel zur Erzeugung von Mehrwert, um mehr Geld zu machen. Dadurch erst wird die Warenproduktion allgemein.
„In der allgemeinen Wertform drücken viele Waren ihr 'Wertsein' relativ in einer einzigen Ware aus. „Ihre Wertform ist einfach und gemeinschaftlich, daher allgemein." „So ist die im Warenwert vergegenständlichte Arbeit nicht nur negativ dargestellt als Arbeit, worin von allen konkreten Formen und nützlichen Eigenschaften der wirklichen Arbeiten abstrahiert wird. Ihre eigne positive Natur tritt ausdrücklich hervor. Sie ist die Reduktion aller wirklichen Arbeiten auf den ihnen gemeinsamen Charakter menschlicher Arbeit, auf die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Die allgemeine Wertform, welche die Arbeitsprodukte als bloße Gallerten unterschiedsloser menschlicher Arbeit darstellt, zeigt durch ihr eignes Gerüste, daß sie der gesellschaftliche Ausdruck der Warenwelt ist. So offenbart sie, daß innerhalb dieser Welt der allgemein menschliche Charakter der Arbeit ihren spezifisch gesellschaftlichen Charakter bildet." Die im Träger dieser Äquivalenz, Gold/Geld, ausgedrückte Privatarbeit wird zur Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Geld gilt als Anweisung auf eine bestimmte Menge jeglichen gesellschaftlichen Reichtums in dieser „spezifischen“ Art Gesellschaft. Mit einem Stück, oder Schein Geld trage ich einen dinglichen Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses mit mir herum. Die Menschen vermitteln darin ihren gesellschaftlichen Zusammenhang nicht selbst, sondern indirekt über die tagtäglichen einzelnen Austauschaktionen, über den Kauf und Verkauf von Waren, Geld, Kapital, Lohnarbeit usw. ... Das 'Wertsein' kann sich nur in dinglichen Gestalten zeigen, im Äquivalenzausdruck einer einzigen Ware in allgemeiner Form (= Geld) und in jeder einzelnen Ware in besonderer Form (‚Warenwelt’). Beide Ausdrücke werden durch dieselbe Aktion aller Akteure zusammen erzeugt. Damit wird innerhalb dieser ‚Warenwelt’ der allgemein menschliche Charakter der Arbeit (abstrakte Arbeit) indirekt im Geld sichtbar und zeigt seinen spezifisch gesellschaftlichen Charakter. Dieser spezifische gesellschaftliche Charakter ist die indirekte Vergesellschaftung über den Austausch von Waren und Geld auf Grundlage von Privatproduktion. Abstrakte Arbeit ist der Wertinhalt. Die Wertform „zeigt“ im Geld das „Werthaben“ als besondere Grundlage dieser besonderen Gesellschaft. Diese Wertform soll jetzt näher betrachtet werden.
Verallgemeinert sich der Warentausch, bestimmen die Handelnden indirekt zunehmend eine Ware für die Rolle des allgemeinen Äquivalenzausdrucks. Historisch waren das hauptsächlich Gold und Silber. Diese Waren drückten neben ihren Gebrauchsgestalten diese allgemeine Austauschbarkeit mit aus. Mit der Vollendung der ‚Warenwelt’ im Kapitalismus als globaler Wirtschaftsweise konnte sich die Funktion des Wertausdrückens schrittweise von der besonderen Gebrauchsgestalt der einen Ware, dem Gold lösen. In der allgemeinen Äquivalentform befanden sich seitdem diejenigen Währungen, die auf Grundlage der warenwirtschaftlichen und machtpolitischen Stärke den anderen Währungen ihr Maß aufzwingen konnten. Das waren erst das Pfund Sterling (im Rahmen einer Golddeckung), später (mit gewissen Krisen und schließlich ohne Golddeckung) der Dollar, schließlich der ‚Korb’ der aufeinander bezogenen ‚Weltwährungen’ Dollar, Euro, Yen, u.s.w.. Seit der Durchsetzung dieser 'Warenwelt' (als scheinbar natürlicher und bestimmender Teil der ‚wirklichen’ Welt) erscheinen die Waren, einfach nur als Dinge oder Güter und das Geld als der allgemeine Mittler, als Vertreter der allgemeinen Austauschbarkeit von fast allem. Das innere Band zwischen Waren und Geld, als nur verschiedenem Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses, bleibt verdeckt. Waren erscheinen so den Menschen zunächst als ‚konkret', ‚nützlich' und ‚gut' und Geld als ‚abstrakt', ‚charakterverderbend’, weil ‚die Maßlosigkeit fördernd’ und ‚böse’ ... In seiner Ursprungsfassung des ‚Kapitals’ hat Marx die Bemerkungen des Fetischabschnittes noch innerhalb der Wertformanalyse mit entwickelt. Da war es noch weniger möglich, diese Bemerkungen irgendwie aufzunehmen, ohne den Inhalt der Wertformanalyse zur Kenntnis zu nehmen. Die Kernbemerkungen dieses Abschnittes sind meines Erachtens Folgerungen aus den drei Besonderheiten der Äquivalentform.
Der 'mystische Charakter der Ware' entsteht nach Marx weder aus ihrem Gebrauchswert, noch aus dem „Inhalt der Wertbestimmungen“ „... es ist eine physiologische Wahrheit, dass sie (die nützlichen Arbeiten, H.K.) Funktionen des menschlichen Organismus sind und dass jede solche Funktion, welches immer ihr Inhalt und ihre Form, wesentlich Verausgabung von menschlichem Hirn, Nerv, Muskeln, Sinnesorgan usw. ist." Also, daraus dass die konkreten Arbeiten unter dem Aspekt der bloßen Mühaufwendung gleichgesetzt werden können, entsteht noch nichts 'Verdrehtes'. "Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst. Die Gleichheit der menschlichen Arbeiten erhält die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer erhält die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte, endlich die Verhältnisse der Produzenten, worin jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte." Die „sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit“ ist der Ausdruck von abstrakter Arbeit. Diese abstrakte Arbeit drückt sich im Arbeitsprodukt gegenständlich aus, um sich über die besondere Ware ‚Gold’ schließlich in bloßem Geld als imaginärem “Gegenstand“ zu verselbständigen. Die Zeitdauer der Verausgabung erscheint in der Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte. Marx legt hier ein Gewicht auf die spezielle Formierung.
In der Warenform selbst, also in der Gestalt, die Austauschakteure ihren Produkten durch die Austauschpraxis geben, bringen sie die wirklichen Verhältnisse 'verdreht' zum Ausdruck. Es ist eine Realabstraktion, die die gesellschaftlichen Charaktere ihrer Arbeit in ‚verdrehter’, gegenständlicher Form zeigen muss, weil die Beteiligten das wirklich in dieser ‚verrückten’ Weise tun. Durch die Privatproduktion einerseits und den Warenaustausch andererseits 'produzieren' die Menschen eine neue Form von Realität, ihren eigenen dinglich vermittelten Gesellschaftszusammenhang – hochabstrakt, doch real und zunächst mächtiger als sie selbst. Die abstraktifizierte Gleichsetzung menschlicher Arbeiten erhält in der Verfestigung der Austauschverhältnisse „die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte". Die Wertgegenständlichkeit ist als bloßes gesellschaftliches Verhältnis der Privatarbeiten untereinander dann in der 'Geldware' dinglich-sinnlich zu fassen.
Wie also will Postone seinen Begriff von abstrakter Arbeit im Kapitalismus fassen ohne die Wertformanalyse? Die Wertform, die durch die Austauschpraxis erst geschaffen und ständig reproduziert wird, schafft erst den Fetischcharakter der Waren und des Geldes. Wert und Mehrwert werden zwar in der Produktion geschaffen, jedoch 'realisiert' in den einzelnen Austauschakten. Wenn Postone abstrakte Arbeit nur unter dem Aspekt der Produktionssphäre allein fasst, setzt er zwar einen Gegenakzent gegenüber mancher 'traditionsmarxistischer' Interpretation, kommt aber 'von einem Straßengraben in den anderen'. Die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft wird in ihrer Zeitdauer gemessen. In der Wertform der Ware erhält die Zeitdauer der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft "die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte". Abstraktifizierte Zeit setzt sich 'sachlich' um in eine abstrakte Menge der hergestellten Waren; diese werden schließlich nur hergestellt, um sich in mehr Geld zu verwandeln. Kurz: Time is money. Durch die Austauschakte, das sind die besonderen Verhältnisse der Produzenten, in denen sich ihre Privatarbeiten als gesellschaftlich-nützliche Teilarbeiten realisieren müssen, erhält ihr Verhältnis als Private gegeneinander "die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses" ihrer Arbeitsprodukte selbst. Waren können zwar nicht allein zum Markte gehen, aber die Warenbesitzer werden zum sachlichen Vollzugsorgan, zur Stimme von Waren und Geld, zu menschlichen Trägern eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Sachen (sprich: ihrer Produkte als Waren). "Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen." Der gesellschaftliche Charakter ihrer eigenen (Privat-)Arbeiten wird den Menschen durch ihre eigene Austauschaktion als ein „außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen“(s.o.) zurückgespiegelt, dem sie nur praktischen Ausdruck und Stimme verleihen können, wenn sie in diesem System nicht untergehen wollen. Die Menschen müssen hier auf den Markt, um zu überleben. Die Waren, das Geld und das Kapital bilden eine tote, verselbständigte 'Gesellschaft', saugen lebendige Arbeitskraft ein und die Menschen handeln als Anhängsel dieser sachzwangartigen Verhältnisse.
Die Warenform drückt für die Menschen in der entfalteten warenproduzierenden Gesellschaft die gesellschaftlichen Seiten ihrer Privatarbeiten als scheinbar gegenständliche Seiten ihrer Arbeitsprodukte aus. Die privat produzierten Güter erscheinen als "Warenwelt", als "gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen" und dieses gesellschaftliche Verhältnis erscheint ihnen als eines der Natureigenschaften dieser Dinge, genau wie Schwere, Farbe, Geruch, Geschmack usw.. Im allgemein verbreiteten Bewusstsein ausgedrückt: „Wert haben“ erscheint als eine Natureigenschaft der Dinge. Geld als dinglicher Ausdruck von abstrakter Arbeit erscheint als ‚der Gott’ dieser „Warenwelt" – ebenso mächtig, wie natürlich, wie praktisch, wie überhistorisch. Die Menschen selbst reproduzieren sich damit in ihrem eigenen Produktionsprozeß als Private, als Verbindungslose, Ohnmächtige der von ihnen produzierten "Warengesellschaft" gegenüber, ihre Interessen als Privatinteressen und ihren Charakter als Privatcharakter. Sie haben losgelöst voneinander produziert, dieser eben dargestellte „verkehrende“ Austausch ist die Weise, diese Produktionsweise zu vergesellschaften, eben über den Markt.

Nun zur Behandlung des Fetischabschnittes durch Postone: In einer Zusammenfassung seiner Untersuchungsergebnisse schließt Postone u.a. folgendermaßen: „Die Materie der ‚materialistischen Marxschen Kritik ist somit gesellschaftlicher Art – die Formen gesellschaftlicher Verhältnisse sind materiell.“ Wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in dieser Gesellschaft in einem dinglichen Ausdruck zeigen, wäre spannend zu erfahren. Die Form der besonderen gesellschaftlichen Beziehungen, wenn die Produkte allgemein Warencharakter annehmen, untersucht Marx in der Wertformanalyse der Ware. Diese und ihre Ergebnisse lässt Postone konsequent aus. Er macht erst mit dem Fetischabschnitt von Marx weiter, geht aber auch dort nicht auf die Kerninhalte ein. Postone fährt fort: „Da sie durch Arbeit vermittelt sind, kann die den Kapitalismus charakterisierende gesellschaftliche Dimension nur in objektiver Form erscheinen.“ Dann kommen noch zwei von den vielen wiederholenden, Marx lobhudelnden Spruchblasen. Wenn die charakteristische ‚gesellschaftliche Dimension’ im Kapitalismus nur in objektivierter Form erscheinen kann, in welcher Form erscheint sie denn? Wo und wie untersucht Postone das? Er behauptet immer nur die besondere sozialvermittelnde Rolle „der Arbeit", meint des Aspektes der abstrakten Arbeit im Kapitalismus. Er kritisiert hin und wieder, dass man den Wert keineswegs nur als Marktkategorie, oder Verteilungsbegriff fassen darf, klärt aber nicht den Zusammenhang von Wertproduktion und Wertrealisation (Austausch). Der Wert entsteht bekanntlich in der Produktion und realisiert sich im Austausch. Die besondere Form dieses Austausches, in dem sich die gesellschaftliche Nützlichkeit der privat hergestellten Waren erst erweisen muß, spiegelt den Beteiligten die Produkte und die besonderen gesellschaftlichen Charaktere ihrer (Privat-)Arbeiten in einer speziellen verdrehten Weise wider. Diese deckt Marx in den drei Besonderheiten der Äquivalentform auf, um sie von da ab mit zu Grunde zu legen in seiner gesamten weiteren Untersuchung. Den Fetischabschnitt hat Marx in einer späteren Überarbeitung besonders herausgestellt, um die Bedeutung dieser Wertformanalyse zu betonen. Postone beginnt den Abschnitt ‚Abstrakte Arbeit und Fetisch’, in dem er übrigens nicht ein einziges Mal aus dem Marxschen Fetisch-Abschnitt zitiert, folgendermaßen: „Jetzt können wir uns dem Problem zuwenden, warum Marx in seiner immanenten Analyse abstrakte Arbeit als physiologische Arbeit präsentiert.“ Dass man Marx letzteres so nicht vorhalten kann, hab ich oben schon nachgewiesen. Weiter mit Postone: “Wir haben gesehen, dass Arbeit in ihrer historisch bestimmten Funktion als gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit die ‚Substanz des Werts’, also das die Gesellschaftsformation bestimmende Wesen ist.“ So oft es Postone auch wiederholt: genau, dass „Arbeit" diese sozial-vermittelnde Rolle hat, möchte ich bezweifeln. Die 'Substanz', der Inhalt des Wertes ist sicher die lebendige, menschliche Arbeitskraft. Auch der Doppelcharakter der Arbeit, sobald sie Warenform annimmt, gibt dem noch nichts Verdrehtes oder Geheimnisvolles. Das bestimmende „Wesen“ der vorherrschenden sozialen Formation ist nicht 'die Arbeit', sondern der Wert ! "Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst. ..." Klar: ein Wesen muß erscheinen. Dann ist es aber auch nötig, die besonderen Erscheinungsformen zu untersuchen. Postone spricht von der notwendigen Beziehung von Erscheinung und Wesen, bringt dann aber abwegigerweise das Beispiel mit dem Zusammenhang von Wert und Preis der Waren, statt weiter auf Wertinhalt und Wertform (als besondere Erscheinungsweise des Wertes!) einzugehen. Dann wiederholt er wieder mal, dass 'Arbeit' die Sozialbeziehungen im Kapitalismus konstituiert. Die spezifische Rolle der Arbeit im Kapitalismus müsse deshalb notwendigerweise ausgedrückt werden in Erscheinungsformen, die Objektivierungen ‚der Arbeit’ als eine produktive Aktivität seien. Postone argumentiert immer wieder nach dem Muster: „'Der Markt' hat nicht die besondere 'Gesellschaft' konstituierende Rolle im Kapitalismus (weil er sonst den 'Realsozialismus' glaubt nicht ‚erklären’ zu können!!), sondern es ist die (abstrakte) Arbeit. 'Arbeit' hätte eben im Kapitalismus die Doppelrolle a) ‚Wesen’ zu sein b) als Erscheinung Träger der ‚sozialen Vermittlung’ dieser Gesellschaft zu sein, um dann als ‚Arbeit überhaupt’ überhistorisch, naturnotwendig usw. zu erscheinen:
„Es ist die einzigartige Rolle der Arbeit im Kapitalismus, die diese sowohl als Wesen wie als Erscheinungsform konstituiert. Weil die den Kapitalismus charakterisierenden gesellschaftlichen Verhältnisse durch Arbeit vermittelt werden, ist es, anders gesagt, eine Besonderheit dieser Gesellschaftsformation, dass es ein Wesen hat.“ Ja, ist ‚das Wesen’ dieser Gesellschaft nun der Wert oder 'die Arbeit' ??? Ich meine, ersteres. Die Arbeiten, die in dieser Gesellschaft in Waren eingehen, bilden die 'Wertsubstanz'. Aber ihre 'sachliche' 'Zeigeform' in der Äquivalentform, die sich zum Geld verselbständigt, bekommen diese Arbeiten erst im Austausch. Also, siehe oben, gilt es, diese spezielle Form, die Wertform, untersuchen. Die 'soziale Vermittlung' in dieser Gesellschaft ist meines Erachtens NICHT 'die Arbeit', sondern der Betätigungsprozess der verselbständigten Äquivalentform im Austausch, die fast zahllosen Kauf-Verkauf-Akte der Wertvergesellschaftung. Die Produktion selbst ist als Privatproduktion relativ 'ungesellschaftlich' bzw. indirekt in Bezug auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse; es ist Produktion für den Markt. Erst der Austausch zeigt in Qualität und Quantität, ob dieses oder jenes Produkt ein gesellschaftliches Bedürfnis erfüllt.
Die Ansicht, dass es eine Besonderheit sei, dass DIESE Gesellschaft ein spezielles Wesen habe, finde ich mehr als eigenwillig. In (durchaus kritischer) Anlehnung an Hegel, meine ich, daß JEDE Gesellschaft (auch alle anderen Erscheinungen der für uns erkennbaren Welt) die 'Struktur als Anti-Struktur' von Erscheinungen und Wesen hat. Dabei muss in der Tat nicht in allen Gesellschaften das Wesen sich in so 'verdrehten' Erscheinungen zeigen, wie Marx es bei den Besonderheiten der Äquivalentform herausgefunden hat. Aber selbst so einfache Erscheinungen, wie die des uns relativ vertrauten Erdmondes zeigen uns nicht sogleich seine Rundheit und Körperform ... (Siehe Matthias Claudius: 'Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön...?'
Weiter mit Postone: “‚Wesen’ ist eine ontologische Bestimmung. Das Wesen jedoch, dass hier erörtert wird, ist geschichtlich – eine historisch spezifische gesellschaftliche Funktion der Arbeit. Doch diese historische Besonderheit ist nicht evident.“
Klassisch wurde der Begriff des Wesens unter anderem ontologisch gefasst. Die Kategorie des Wesens ist eine erkenntnistheoretische: Wesen wurde in klassischen Philosophien als das Dahinterstehende, die Bedeutung, der Sinngehalt einer Sache, das Substanzielle, der Erklärungsgrund angesehen - manchmal im Gegensatz zum bloßen Schein. Spinoza fasst dann schon 'spezifischer' das Verhältnis von Substanz und Akzidenz, Kant schreibt von dem an sich unerkennbarem 'Ding an sich' und den empirisch wahrnehmbaren Erscheinungen. Hegel entwickelt einen weitergehenden Wesensbegriff. Das Wesen ist hier, das 'innere Band' aller Dinge, das sich in besonderen Gestalten zeigt. Das Wesen muß erscheinen; ein Wesen, das nicht erscheint, ist ein 'Unwesen' sagt Hegel sinngemäß. „Das Wesen kommt aus dem Sein her; es ist insofern nicht unmittelbar an und für sich, sondern Resultat jener Bewegung (...) Das Wesen ist aber das an und für sich aufgehobene Sein; es ist nur Schein, was ihm gegenüber steht. Allein der Schein ist das eigene Setzen des Wesens." ) Also der Schein, das Erscheinende, ist dem Wesen nicht äußerlich, sondern zeigt in seiner Bewegung nichts anderes als das Wesen. Damit ist das von Kant mit dem ‚Ding an sich’ produzierte erkenntnistheoretische Dilemma gelöst. Damit muss man sich noch nicht mit Hegel einbilden „alles“ begrifflich fassen zu können, sondern es besteht die Chance einer sich offen-kritisch sich weiter ausdfferenzierenden Erkenntnisbewegung. Jedoch schon bei Hegel haben alle Kategorien auch eine historische Dimension. Das übernimmt Marx, bloß mit einer wichtigen Korrektur. Siehe hierzu nur, was er ausführlich in den 'Grundrissen' am Anfang über die Kategorie 'Arbeit' sagt, was Postone wiederum unterschlägt. Dass Marxsche Kategorien immer streng im historischen Kontext, ausgehend von der jeweiligen Jetztzeit des 'Erkenntnissubjektes', gemeint sind und von daher erst mehreren oder in allen Gesellschaften geltende Momente der Begriffe bestimmt werden, muß also nicht an jeder Ecke wiederholt werden. „Arbeit scheint eine ganz einfache Kategorie. Auch die Vorstellung derselben in dieser Allgemeinheit - als Arbeit überhaupt - ist uralt. Dennoch, ökonomisch in dieser Einfachheit gefaßt, ist „Arbeit" eine ebenso moderne Kategorie wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen." Dass der besondere (abstrakte...) Charakter der Arbeit sich selbst ‚verhüllt’, liegt m.E. an dem realen Selbstabstraktion, welche die Beteiligten in jedem Austauschakt vollziehen. Im Austausch eben wird die besondere Arbeit einer anderen besonderen Arbeit unter Absehung aller Besonderheiten gleichgesetzt. In der Praxisform des Warenaustausches wird abstrahiert nicht nur von den besonderen Arbeiten, sondern auch von der Weise der jeweiligen Produktion überhaupt. Auch ein geklautes Gut, oder eines aus einer ganz anderen Produktionsweise 'vergesellschaftet' sich in einer vorherrschenden Warengesellschaft auf dem Markt in gleicher Weise. Der Austauschakt ist in der Tat jeweils nicht einfach nur ein einzelner Austauschvorgang, sondern gleichzeitig ein Glied dieser ‚ungesellschaftlichen Vergesellschaftung’, die es noch näher zu kennzeichnen gilt. Warum 'Arbeit' als ontologisch und überhistorisch erscheint, hat für Postone nichts mit dem Austausch zu tun: Es ist durch den besonderen Charakter dieser Arbeit 'self-grounding', selbstbegründend. Das versucht Postone mit der jetzt wiedergegebenen Stelle zu erklären und setzt es von da ab als geklärt voraus: „Arbeit selbst konstituiert eine gesellschaftliche Vermittlung anstelle transparenter gesellschaftlicher Verhältnisse. Eine neue Form von Interdependenz entsteht: Niemand konsumiert, was erproduziert, und dennoch fungiert die Arbeit des Einen – oder deren Produkte – als das notwendige Mittel, um Produkte von Anderen zu erhalten. Damit besetzen die Arbeit und ihre Produkte im Resultat die Funktion der Vermittlung anstelle manifester gesellschaftlicher Verhältnisse. Statt durch transparente oder ‚erkennbare’ gesellschaftliche Verhältnisse vermittelt zu sein, wird die warenförmige Arbeit durch eine Reihe von Strukturen vermittelt die sie, wie wir noch sehen werden, selbst konstituiert. Im Kapitalismus vermitteln sich die Arbeit und ihre Produkte selbst: sie sind gesellschaftlich, sich selbst vermittelnd.“ Welches sind diese sich 'selbst konstituierenden, sozialen Strukturen' und wie konstituieren sie sich? Dadurch, dass die Privatarbeiten zum Mittel werden, die Produkte der anderen Privatproduzenten zu bekommen (im Warenaustausch), entstehen die 'marktvermittelten' Sozialbeziehungen ('Das nicht Habende brauchen und das mit Brauchende haben,' ist das Muster.) Auf dem Markt kommt das zusammen und führt zu dieser Art Vergesellschaftung. Nur, wie soll dem eine besondere Vergesellschaftung über abstrakte Arbeit zu Grunde liegen? Wie der 'selbst-vermittelnde' Charakter der Arbeit, oder des Moments von abstrakter Arbeit zustande kommt, kann Postone aus meiner Sicht nicht klären.
Postone will erklären, wie ‚die Arbeit’ selbst im Kapitalismus die „gesellschaftliche Vermittlung“ herstellt: „Da hier die Arbeit sich selbst vermittelt, konstituiert sie vielmehr nicht nur eine gesellschaftliche Struktur, die die Systeme manifest gesellschaftlicher Verhältnisse ersetzt, sondern sie verleiht sich ihren gesellschaftlichen Charakter auch selbst.“ Postone ‚übersetzt’ den von Marx beschriebenen „sich selbst verwertenden Wert, der sich zum „automatischen Subjekt“ verselbständigt auf einen vagen Begriff von Arbeit. Es bleibt m.E. rätselhaft, wieso sich die Arbeit im Kapitalismus zu solch einer bestimmenden Rolle aufschwingen kann. Direkt weiter Postone: „Dieses reflexive Moment bestimmt die spezifische Qualität des sich selbst vermittelnden Charakters der Arbeit, wie auch die der von dieser gesellschaftlichen Vermittlung strukturierten gesellschaftlichen Verhältnisse. Wie ich zeigen werde, ist es dieses sich selbst begründende Moment der Arbeit im Kapitalismus, das der Arbeit, ihren Produkten und den von ihr konstituierten gesellschaftlichen Verhältnissen einen ‚objektiven’’ Charakter verleiht.“ (...) „Anders ausgedrückt: im Kapitalismus begründet die Arbeit ihren eigenen gesellschaftlichen Charakter vermöge ihrer historisch spezifischen Funktion als einer gesellschaftlich vermittelnden Tätigkeit. In diesem Sinne wird Arbeit im Kapitalismus zu ihrem eigenen gesellschaftlichen Grund.“ Was zu beweisen wäre! P.'s Argumentation dreht sich ständig im Kreis.
Auf Seite 240 ist er wieder bei der Ware, von der er auch sagt: „Die Ware ist sowohl Produkt als auch gesellschaftliche Vermittlung. Sie ist kein Gebrauchswert, der Wert hat, sondern als materialisierte Vergegenständlichung konkreter und abstrakter Arbeit ist sie ein Gebrauchswert, der Wert ist und deshalb Tauschwert besitzt. Diese Gleichzeitigkeit substanzieller und abstrakter Dimensionen in der Form der Arbeit und ihrer Produkte ist die Grundlage der verschiedenen antinomischen Gegensätze im Kapitalismus und liegt, wie ich zeigen werde, seinem dialektischen und letztlich widersprüchlichen Charakter zugrunde. (…) Als Gegenstand hat die Ware eine stoffliche Form, als gesellschaftliche Vermittlung ist sie eine gesellschaftliche Form.“
Wenn die Ware, wie er schreibt, beides ist, ein Produkt und eine soziale Vermittlungsindikation (=anzeige), dann müsste er doch den besonderen Charakter dieser 'Vermittlung' untersuchen. Warum macht er das nicht? Mit dem Spiel von 'hat' und 'ist' allein klärt er das besondere Verhältnis zweier Waren und deren Warenbesitzer im Austausch nicht auf. Es ist sicher wichtig, auf den Charakter der in Austausch gebrachten Arbeiten einzugehen. Auch auf die besondere Weise, wie der Warenaustausch den Charakter der jeweiligen Produktion ‚verhüllt’. Aber Postone versucht immer wieder den Begriff der abstrakten Arbeit aufzuklären, ohne ihn als Verhältnisbegriff zu untersuchen, als Verhältnis im Austausch und als Verhältnis zwischen Austausch und Produktion. Die „Gleichzeitigkeit der substanziellen und der abstrakten Dimension in der Form der Arbeit und ihrer Produkte“ kann sich doch nur im Austausch in ‚dinglicher Trägerschaft’ zeigen... Postone versucht eine ‚Definition’ nach der anderen zu liefern. Die ‚Gleichzeitigkeit der substanziellen und der abstrakten Dimensionen der Form der Arbeit und seiner Produkte’, ist im Kern nichts anderes, als das, was Marx in der Wertformanalyse zeigt: In der Äquivalentform der Ware gibt die eine Ware ihre ‚Naturalhaut’ her, um den Wert, der als solches nicht erscheinen kann, als etwas rein Gesellschaftliches, zu zeigen. Ein natürliches Ding wird zum Träger eines besonderen gesellschaftlichen Verhältnisses. Im Ablauf des einzelnen Tauschverhältnisses zeigt sich als bloßes Mengenverhältnis („x Ware A gegen y ware B“) der Tauschwert als ein Ausdruck des Wertes. Eine besondere Arbeit, in Marxens Beispiel, die der Rockherstellung, zeigt den unmittelbar gesellschaftlichen Charakter der Arbeit als abstrakte Arbeit an und die Privatarbeit der Rockherstellung in dinglicher Gestalt wird zum Träger von Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Vereinfacht gesagt, der Rock (als Beispiel), später Gold, später Geldschein, drückt Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form aus : Das ist eine existierende Verrücktheit, die uns allen durch seine besondere, verkehrende Zeigeform, und dadurch, dass im Resultat sein Entstehungsprozeß verwischt ist, allzu natürlich vorkommt! Deshalb sagt Marx auch an einer Stelle in den Grundrissen, dass ich mit Geld meinen gesellschaftlichen Zusammenhang in dinglicher Gestalt mit mir in der Tasche herumtrage...
Postone fährt in seinem 'Fetischabschnitt' fort: “Wir haben gesehen, dass die durch Arbeit vermittelten gesellschaftlichen Verhältnisse sich selbst begründen, ein Wesen haben und keineswegs als gesellschaftlich, sondern als objektiv und transhistorisch erscheinen. Sie erscheinen als seien sie ontologisch.“ Nichts von alle dem 'haben wir gesehen', hat Postone abgeleitet. „...nur im Kapitalismus ist Arbeit das Wesen der Gesellschaft“, schreibt er kurz danach. Das ist m. E. unverständlich. Marx schreibt selbst dazu in seinem Fetischabschnitt, im Zusammenhang des Nachweises, dass der 'verdrehte', mystische Charakter der Waren, der Wertform selbst entspringt : „In allen Zuständen mußte die Arbeitszeit, welche die Produktion der Lebensmittel kostet, den Menschen interessieren, obgleich nicht gleichmäßig auf verschiednen Entwicklungsstufen. Endlich, sobald die Menschen in irgendeiner Weise füreinander arbeiten, erhält ihre Arbeit auch eine gesellschaftliche Form." und damit einen auch gesellschaftlichen Charakter. Sobald die Arbeit der Menschen eine gesellschaftliche Form erhält, neben allen konkreten Arbeiten, tritt die Form/Inhalt - Problematik auf und es wäre sinnvoll, den Wesensbegriff auf diese Art Arbeit zu beziehen. Nur müssen die Erscheinungen dieses Wesen nicht in der speziellen Weise verdreht zeigen, wie in der warenproduzierenden Gesellschaft.
Nachdem Postone noch einmal betont hat, dass Arbeit im Kapitalismus das Wesen der Gesellschaft sei, schreibt er weiter: “Diese Gesellschaftsordnung kann historisch nicht überwunden werden, ohne das Wesen selbst, also die historisch spezifische Funktion und Form der Arbeit abzuschaffen.“ Dieses 'Wesen' ist nach Marx der Wert und nicht die Arbeit, oder deren abstraktes Moment, was im Austausch vergegenständlicht wird. Der Wert ist eine spezielle Vergesellschaftungsweise, die privat produzierende Menschen gezwungen sind, indirekt über den Austausch von Waren, Geld, Kapital und ihrer Arbeitskraft zu reproduzieren. Zu Grunde liegt der besondere Charakter dieser Produktion als Privatproduktion. Diese kapitalistische Produktions- und Austauschweise kann m.E. nur überwunden werden durch einen langen Prozess der wirklichen Selbstregulation der gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch die Menschen selbst. Dieser Prozess kann ansetzen an den 'jetzt vorgefundenen Verhältnissen', also schrittweise die Privatarbeit außer Kraft setzen und durch gegenseitige Hilfen und Gemeinschaftsarbeit ersetzen. Es können Erfahrungräume geschaffen werden, die teilweise bzw. graduell der 'Wertvergesellschaftung' entzogen sind. Dort können wichtige Erfahrungen gesammelt werden auf einem Weg, um schrittweise zu einer gemeinsamen aktiven Gestaltung der Produktion und der gesamten Lebensverhältnisse durch die Menschen selbst zu gelangen.
Weiter Postone: “Eine nichtkapitalistische Gesellschaft wird nicht durch Arbeit allein konstituiert.“ Das gilt allerdings auch für die kapitalistische Gesellschaft; zumal der indirekt vergesellschaftende Charakter ‚der Arbeit’ im Kapitalismus von Postone bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Weiter unten kritisiert Postone wieder mal Positionen, die Wert als eine (bloße) 'Marktkategorie' auffassen. Es geht um die Wertproduktion und die Wertrealisation, die bei der realen Wertbildung als Realabstraktion offensichtlich zusammenspielen.
Er fährt fort: „Die einzigartige gesellschaftliche Funktion der Arbeit im Kapitalismus kann allein schon deshalb nicht unmittelbar als Eigenschaft der Arbeit erscheinen, weil Arbeit an und für sich keine gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit ist. Als solche kann nur ein manifestes gesellschaftliches Verhältnis erscheinen. Die historisch spezifische Funktion der Arbeit kann darum nur in vergegenständlichter Form erscheinen: als Wert in seinen unterschiedlichen Formen (Ware, Geld, Kapital). Es ist deshalb unmöglich, eine manifeste Form der Arbeit als gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit zu entdecken, indem man hinter die Form – den Wert - schaut in der sie notwendig vergegenständlicht ist eine Form, die ihrerseits nur materialisiert als Ware, Geld usw. erscheinen kann. Natürlich erscheint die Arbeit, doch die Form ihrer Erscheinung ist nicht die einer gesellschaftlichen Vermittlung, sondern schlicht ‘Arbeit’ selbst.“ Menschliche Arbeit hat sowieso die Eigenschaft, sich im Produkt zu 'vergegenständlichen'. Die historisch-spezifische Funktion von Arbeit - schreibt Postone - kann nur vergegenständlicht (‚objectified’) erscheinen - wie er schreibt, als 'Wert'. Der Wert erscheint aber in seinen verschiedenen Ausdrucksformen als Waren, Geld, Kapital usw. Deshalb sei es unmöglich, eine handgreifliche Form der Arbeit als eine soziale Vermittlung 'hinter' der Form - Wert - zu finden, in welcher sie sich vergegenständlicht... Arbeit als soziale Vermittlungsindikation erscheine, schreibt Postone, einfach als 'Arbeit'. Ja, wie erscheint diese 'Arbeit'? „… vielmehr gilt es, ihre Objektivierungen zu untersuchen. Aus diesem Grund begann Marx seine Darstellung auch nicht mit der Arbeit, sondern mit der Ware...“ und so weiter. Also, der Doppelcharakter der Arbeit erscheint in den Arbeitsprodukten, sobald sie Warenform annehmen; er kann nur dort erscheinen. Diese Warenform aber will Postone nicht untersuchen. Siehe oben.
Weiter Postone, er versucht jetzt die Ableitung des Geldes ohne die Wertformanalyse zu bewerkstelligen: „Die Existenz jeder Ware als allgemeine Vermittlung nimmt eine von ihr unabhängige, materialisierte Form an – als Äquivalent zwischen Waren.“ Wie veräußerlicht sich die „Dimension des Wertes“? Aus der Äquivalentform macht Postone ‚eine materialisierte Form als ein Äquivalent unter den Waren’. Das Verhältnis, dass alle Waren sich in der relativen Wertform befinden, wenn die Warenbesitzer eine Ware in die Äquivalentform-Rolle bringen, bleibt außerhalb seiner Betrachtung. Weiter Postone: “Die Dimension des Wertes aller Waren wird in der Form einer einzelnen Ware: dem Geld externalisiert, das als allgemeines Äquivalent zwischen allen anderen Waren fungiert: das Geld erscheint als allgemeine Vermittlung.“
Die Ableitung der Geldform aus der Warenform, dem Verhältnis zweier Waren im Austausch, ist hier verschwunden. In welcher Weise das Wertverhältnis zweier Waren durch seine spezielle Erscheinungsform 'verkehrt' wird, fällt hier raus. Die ‚Wertdimension’, was immer das sei, ‚veräußerlicht sich in der Form einer Ware, dem Geld, welche als universelles Äquivalent unter allen anderen Waren „handelt“; sie erscheint als die universelle Vermittlung'. Alles klar ? Mir nicht. „Im Resultat dieser Externalisierung erscheint die Ware nicht selbst als gesellschaftliche Vermittlung. Statt dessen erscheint sie als rein dinglicher Gegenstand, als Gut, das gesellschaftlich durch Geld vermittelt wird.“ Es ist richtig, dass die Waren im Verhältnis zum Geld, als in der relativen Wertform sich befindend, als bloße Güter erscheinen, während das Geld, der Äquivalent’spiegel’, als bloßer ('praktischer') Wertmesser aller Waren erscheint. Dass die besondere Art der „gesellschaftlichen Vermittlung“ an der besonderen Form des Wertverhältnisses liegt, klärt Postone gerade nicht.
“Anders gesagt, wenn die Ware ein Gut mit Tauschwert und somit der Wert durch den Markt vermittelter Reichtum zu sein scheint, dann erscheint die wertschaffende Arbeit nicht als gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit, sondern als wertschaffende Arbeit im allgemeinen. So scheint Arbeit Wert zu schaffen allein kraft ihrer Verausgabung. Und dann erscheint abstrakte Arbeit in der immanenten Analyse von Marx als das allen Formen menschlicher Arbeit in allen Gesellschaften ‚zugrundeliege’, als die Verausgabung von Muskel, Nerv usw.“
Da ist er wieder, der Vorwurf von 'Arbeitsontologie' an die Adresse von Marx; oder 'erscheint' es nur so? Angeblich ‚folgerichtig’ begründet, ‚musste’ Marx sich irren, weil es so schien. Wo zieht Postone herbei, dass Marx Wert für bloß ‚markt-vermittelten’ Reichtum hält? Welche Rolle spielt denn ‚der Markt’ bei der Konstituierung der Wertform, welche Rolle spielt die besondere Produktionsweise? Dass abstrakte Arbeit bloß konkrete Arbeit unter dem Aspekt ihrer physiologischen Verausgabung sei, Marx vorzuhalten, ‚scheint’ mir falsch. Die Lesart des letztes Satzes in diesem Zitat habe ich schon widerlegt. Warum erscheint abstrakte Arbeit denn direkt überhaupt nicht, dann in Form von Waren, Geld und Kapital so überhistorisch, natürlich, ‚ontologisch’ usw. ? Eben weil die Menschen selbst in ihrer ‚ungesellschaftlichen Vergesellschaftungsweise' über die Austauschakte die Erscheinungen in der analysierten Weise verdrehen.
Postone fasst zusammen: “Die von Marx präsentierte Kategorie der abstrakten Arbeit ist somit Ausgangsbestimmung seiner Fetischanalyse: weil die dem Kapitalismus zugrunde liegenden Verhältnisse durch Arbeit vermittelt werden und daher objektiviert sind, erscheinen sie nicht als historisch spezifisch und gesellschaftlich, sondern als transhistorisch gültige und ontologisch begründete Formen. Dass der Vermittlungscharakter der Arbeit als Arbeit im physiologischen Sinne erscheint, das macht den Wesenskern des kapitalistischen Fetischs aus.“ Marx schreibt in seinen Fetischabschnitt etwas völlig anderes. Ich gebe hier abschließend die meines Erachtens den besonderen Charakter der 'gesellschaftlichen Vermittlung' deutlich machende Passage wider: "Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt, wie die vorhergehende Analyse bereits gezeigt hat, aus dem eigentümlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert. Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten sind. Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit." Hier hat Marx die wesentliche Ursache für die 'verrückte Erscheinungsweise' benannt: Der Komplex der voneinander unabhängig betriebenen „Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit". Diese grundlegende gesellschaftliche Totalität erzwingt durch die relativ blinden Aktionen der beteiligten Menschen selbst die indirekte Vergesellschaftung und den speziellen verdrehten Ausdruck derselben. Die Verkehrung passiert also durch die Praxis der Agierenden selbst, muß ihnen also genauso verdreht erscheinen. Dabei erscheinen den Produzenten die vor ihren Augen ablaufenden Verhältnisse als das was sie sind: „Den letzteren (den Produzenten!) erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen." Das ist es, was aus dem Privatcharakter der Produktion herrührt und in den Austauschakten in besonderer Form erscheint: Die Privatarbeiten der Produzenten erscheinen in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Die toten Dinge, die Waren der Warenbesitzer (samt ihrer eigenen Arbeitskraft!), bilden ‚eine Gesellschaft’, einen gesellschaftlichen Zusammenhang, den die beteiligten Menschen (noch) nicht in der Lage sind, selbst herzustellen. Und dieser gesellschaftliche Zusammenhang der ‚Warenwelt’, bildet einen Block, ein „automatisches Subjekt“, eine ‚gesellschaftliche’ Totalität (Ganzheitlichkeit), die den Menschen als eine ihnen entfremdete Gewalt entgegentritt, und die sie sich nicht so ohne weiteres vom Halse schaffen können. Denn sie haben diese Gewalt, deren Inhalt im Kern ihre eigene Arbeitskraft ist, ja verinnerlicht. Und mit jedem einzelnen Austauschakt sind sie gezwungen, sie zu reproduzieren. Die Wertformanalyse hat das an den Tag gebracht.
Weiter Marx: „Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. Oder die Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittels derselben die Produzenten versetzt.“ Meines Erachtens ist abstrakte Arbeit kein mehrfach verborgener Regulator des gesellschaftlichen Zusammenhanges im Kapitalismus - die Menschen sind es selbst, die ihn in dieser eben beschriebenen verrückten Praxisform herstellen ! Und weil die Menschen sich selbst da tief „hineingesponnen“ haben, können sie sich auch selbst in einem langen kritisch-selbstbezüglichen Prozess daraus befreien ...

H.K.
Hamburg, April 2011